Der Friedrichhagener Dichterkreis – die Berliner Bohémiens

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dkfEinen wichtigen Beitrag zur europäischen Kulturgeschichte leistet der Ortsteil Friedrichshagen mit seinem Dichterkreis. Um 1890 schloss sich eine Gruppe von Menschen, bestehend aus Künstlern, Intellektuellen, Anarchisten und Bohémiens, zu einem Dichterkreis zusammen, der von nun an erhebliche Faszination auf eine Vielzahl an Menschen in ganz Europa ausüben sollte. Friedrichshagen kann somit in gewisser Weise als die Heimatstadt kultureller Moderne bezeichnet werden.

Der Friedrichshagener Dichterkreis ist verantwortlich für das Ingangsetzen der Lebensreformbewegung, deren Anhänger die Industrialisierung, die Urbanisierung sowie den Materialismus kritisierten. Damit im Zusammenhang steht auch der literarische Naturalismus, der als eine literarische Revolution zu deuten ist, da die Schriftsteller des Naturalismus ganz bewusst mit der Tradition brechen und sich einer genauen Beschreibung der Natur annehmen. Auch für den deutschen Anarchismus, der als das Resultat der Arbeiterbewegung der SPD zu sehen ist, scheint es der Dichterkreis gewesen zu sein, der den entsprechenden Impuls zu geben wusste.

Die Angehörigen des Kreises fanden sich in den Wohnhäusern der beiden Zentralfiguren des Dichterkreises Wilhelm Bölsche und Bruno Wille zum Sinnieren und Diskutieren zusammen. Wilhelm Bölsche gilt als als Begründer der ersten Volkshochschule, während Bruno Wille als Initiator der Freien Volksbühne Berlin bekannt ist.
Bevor sich der Kreis in den Häusern Bölsches und Willes etabliert hatte, war das Haus Gerhard Hauptmanns, welches sich in Erkner befand, Dreh-und Angelpunkt der Friedenauer Bohémiens. Hier genoss man vor allem die idyllische Umgebung und die Abgeschiedenheit, ganz im Gegensatz zu den Berliner Salons um Henriette Herz und Rahel Varnhagen, die sich im 18. Jahrhundert mitten in der Hauptstadt etabliert hatten.

Das Museum Friedrichshagener Dichterkreis macht auf den bedeutenden Teil der deutschen Kultur-und Literaturgeschichte aufmerksam und lädt ein in die Welt der Friedrichshagener Bohémiens des 19. und 20. Jahrhunderts. Mit dem Druck der Zeitschrift des Kulturhistorischen Vereins Friedrichshagen e.V „Hinter der Weltstadt“ sowie mit der Buchreihe „Edition Friedrichshagen“ wird ein wertvoller Beitrag zur Veranschaulichung der Kulturgeschichte Friedrichshagens geleistet.

Der deutsche Lyriker Johannes Brobowski und der Schriftststeller Manfred Bieler riefen im Jahr 1962 im Scherz den „Neuen Friedrichshagener Dichterkreis“ ins Leben und bekundeten ihre ausgereifte Freude an Literatur und an dem gepflegten gemeinsamen Umtrunk!